OM SHANTI DINGDONG

Willkommen im Yogazirkus! Hast Du heute schon deine Chakren geölt? Über deine Shakti meditiert? Deine pingala mit Kokosmus eingerieben und dein Herz geöffnet? NEIN???!

Derzeit verspüre ich ja eine leichte Yoga-Allergie. Oder vielleicht sagen wir besser so: ein klassisches Yoga Information Overload. Dieses ganze Blingbling, das Tütteltü und Bussibussi obendrein. Auf Facebook und in den (meisten) Studios. Überall seeeehr wichtige Menschen, die irgendwo unterwegs zur Erleuchtung ihren Humor verloren haben und vor lauter Heiligkeit nicht mehr lachen können – schon gar nicht über sich selbst. Hauptsache die Onzie sitzt! Dazu scheint gerade jede Zeitschrift ein Yoga-Sonderheft rauszubringen, die mir schon beim angucken echt Schmerzen bereiten. Von der Brigitte (Kreuzweh ick hör dir trapsen!) bis zur Shape („Endlich kann ich´s! Drei Frauen machen ihren größten Asana-Traum wahr.“ oder „Über graue Haare können Yoginis nur lachen“ und „Yogis sind besser im Bett“) Manchmal kann ich mir ein dezentes DAFUG?! echt nicht mehr verkneifen. Versteht mich nicht falsch, ich liebe Yoga. Aber das ganze Geschwurbel drumherum geht mir gerade mächtig auf den Keks. Können wir nicht einfach wieder Yoga machen anstatt dauernd und überall darüber zu reden wie doll wir uns verbiegen können und wie spirituell wir sind?

Fitter, Happier, More Productive

Klar ist es erstmal egal, warum man zum Yoga kommt – und Yoga zu machen, weil man 10 Kilo weniger und den „sexy glow“ haben möchte oder seine Fledermausärmel in Jennifer Anistons Oberarme verwandeln möchte, ist freilich besser, als kein Yoga zu machen. Aber hey, wie schön wäre es denn, wenn gerade die Yogalehrer unter uns vielleicht weniger versuchen würden, irgendwelche Menschen zu beeindrucken und stattdessen individuell und respektvoll auf die Fähigkeiten der eigenen Schüler eingehen würden? Anstatt vor der Klasse mit- bzw- vorzuturnen und sich dabei unaufgewärmt in irgendwelche beeindruckenden Posen zu schmeissen den Yogis ganz offiziell die Erlaubnis zu geben, beim Üben ihren Körper wahrzunehmen – und vorallem dem eigenen Körpergefühl zu trauen? Also weg vom „Na los, Du schaffst das“ hin zu „So wie es sich für dich heute richtig anfühlt“? Einen Rahmen zu bieten, in dem Schüler einfach nur sein dürfen wie sie sind, statt ihnen das Gefühl zu vermitteln, sie müssten eine bessere Version ihrer selbst werden?

Wie wäre es, wenn wir einfach wieder Yoga üben ohne irgendwelche Superlative erreichen zu wollen und irgendwas in oder an uns verbessern zu wollen? Wenn wir das „dünner, schöner, erleuchteter“ eintauschen könnten in „zufrieden, ganz, gut genug“? Und alles andere als spannende Begleiterscheinungen an uns beobachten? Denn klar, Yoga wirkt – aber eben oftmal anders, als wir das geplant hatten. Wer wegen Rücken kommt, entdeckt oft noch viel mehr als Schmerzfreiheit und bleibt vielleicht für immer. (Hier, ich!) Wenn wir morgens vorm Spiegel die grauen Haare nicht mehr verfluchen (Bah, muss ich etwa noch mehr Yoga machen?), sondern sie als ein Zeichen für Veränderung, für einen neuen Lebensabschnitt akzeptieren – und vielleicht sogar freundlich willkommen heißen?

Bah, muss ich etwa NOCH mehr Yoga machen?

Natürlich gelingt das nicht immer und hey, auch Yogalehrer haben mal einen beschissenen Tag an dem sie sich über den ganzen Zirkus aufregen dürfen (und dabei fluchend ihre grauen Borsten ausrupfen). Aber es lohnt sich im derzeit allgegenwärtigen Selbstoptimierungswahn einfach mal Pause zu drücken und durchzuatmen – ganz egal ob Schüler oder Lehrer. Ja, es lohnt sich, in sich hineinzuhorchen, den Ist-Zustand wahrzunehmen und – ganz gleich was man dort finden mag –  wohlwollend anzunehmen. Weil, ich verrat euch was: Es hilft ja nix! Sogar Yogalehrer bekommen graue Haare. Uns bleibt nur, die Sichtweise auf die Dinge und den Umgang mit ihnen zu ändern. Und dabei kann Yoga durchaus hilfreich sein.

Vom Erkennen, annehmen & loslassen

Denn Yoga hilft uns nicht nur beim genauen Hinsehen – übrigens auch auf die Dinge, die wir an uns nicht so dolle finden. Patanjali sagt, um den Zustand von Yoga zu erreichen, ist sowohl abhyasa (beharrliches Üben) als auch vairagya (Gleichmut) nötig.  Gemeint ist damit ein gefühlvolles, zielgerichtetes Üben, das gleichzeitig in Dankbarkeit und Demut geschieht. Also nicht starr und verbissen ein Ziel zu verfolgen, sondern mit einer kraftvollen Leichtigkeit bei der Sache zu sein. Es kommt eben wie bei allem auf die richtige Mischung an!

Üben wir  regelmässig im Sinne von Patanjali, gelangen wir in eine spürende Achtsamkeit (wie Helga Simon-Wagenbach so schön sagt!), die es uns ermöglicht, unseren Körper und unsere Gefühle mit allem was dazugehört wahr- und auch anzunehmen. Gelingt es uns, uns so anzunehmen, wie wir sind,  können wir die unliebsamen Dinge, die uns auf unserem Weg nicht förderlich sind, aufgeben und loslassen – meist verschwinden sie dann von ganz allein.

Hört auf, euch zu vergleichen und sorgt für euch, vertraut eurem Körper, euren Gefühlen.

Ich sag euch: macht Schluss mit dem Optimierungswahn – seid lieb zu euch! Zwängt euch nicht in Asanas, die ihr anatomisch gar nicht ohne Schmerzen ausführen könnt, nur weil die auf der Nachbarmatte das doch auch kann oder der Lehrer sagt, das wäre gut für die Durchblutung der Kopfhaut oder sonst irgendeinen Quatsch. Oder weil ihr Lehrer seid und denkt, ihr müsstet das doch noch besser können. Hört auf, euch zu vergleichen und sorgt für euch, vertraut eurem Körper, euren Gefühlen. Seid authentisch und lernt, eure Grenzen wahrzunehmen und zu akzeptieren. Und sie eventuell dann Schritt für Schritt zu verschieben – in eurem Tempo. Auf der Matte und da draussen in der Welt.

In diesem Sinne: habt eine schöne Woche und geht raus zum spielen. Und für mich gibt es jetzt erstmal ein Weilchen Facebookverbot. Oder einfach ein kühles Bier. Und eine Runde Yoga. [Oh the irony!]

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